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Hotelzimmer

Der leuchtend gelbe Lichtbalken durchschneidet die staubige Luft in Zimmer 34. Im Vorraum liegt der Teppich, dessen wirre Muster sich dschungelpflanzengleich über den Boden winden. Der Junge steht unschlüssig an der Tür. Die Langeweile und Neugier hat ihn in das Zimmer getrieben. Während die Erwachsenen unten beisammen sitzen und sich bei Kaffee und Kuchen über die vermeintlich wichtigen Dinge des Lebens unterhalten, begibt er sich auf eine Expedition, eine Erkundungsreise, die ihm unsterblichen Ruhm als Forscher einbringen würde. Er versetzt sich an den Amazonas, an einen pflanzenbedeckten, trügerisch idyllischen Seitenarm des Stroms, in dem es von Piranhas und Würgeschlangen nur so wimmelt. Auf der anderen Seite des Flusses wartet ein alter, schlingpflanzenüberwuchterter Tempel eines längst vergessenen Indianervolkes darauf, erforscht zu werden. Die in der Luft tanzenden Staubkörner werden zu sirrenden Insekten, die in dichten Wolken über dem Wasser tanzen, Schwärme blutdürstiger Quälgeister. Der Teppich wird zum träge dahingleitenden Fluß, dunkel und tief liegt das Wasser vor ihm. An einigen Stellen, an denen sich das Pflanzenmuster dichter gestaltet, könnte die Oberfläche sein Gewicht tragen, aber er muß schnell sein, flink und leichtfüßig. In einem seiner Bücher hat er von Abenteurern gelesen, die über die Rücken von Krokodilen trockenen Fußes von einem zum anderen Flußufer gelangten. Er hatte es stets in das Reich der Phantasie eingeordnet, aber nun steht er hier, und das Abenteuer ist zum Greifen nahe. Die Luft erhitzt sich, wird drückend schwer von Luftfeuchte und Spannung. Sein Atem wird flacher, bis er die Luft kurz ganz anhält und den Fuß auf die erste Wasserpflanzeninsel setzt. Er streckt die Arme seitlich aus und versucht, sein Gleichgewicht zu halten. Schweißperlen treten auf seine Stirn. Er fühlt einen dicken Tropfen kalt seine Wirbelsäule entlangrinnen. Und plötzlich wischt er sich mit feuchten Händen über die Augen. Das Teppichmuster wurde mit einem Mal schmerzhaft dreidimensional, gewann an Tiefe, so daß ihn ein Schwindel packte. Hat er sich das nur eingebildet, oder hat er tatsächlich die dunklen Rücken von Fischschwärmen (hungrigen Piranhas, die sein pochendes Blut in den Adern gewittert haben) gesehen? Sein Herzschlag beschleunigt sich, und er fühlt, wie die vormals feste Unterlage nun tatsächlich wackelig unter seinen Füßen im Takt der Wellen auf und nieder schwappt. Er nimmt den nächsten Schritt, den nächsten, einen Fuß nach dem anderen setzt er vor, springt von einer winzigen Insel zur nächsten. Weiter vorne erkennt er, daß es eine freie Wasserfläche gibt, an der sich kaum noch Pflanzenmuster finden. Er wird springen müssen, um weiterzukommen, oder er kehrt um. Er dreht sich um, und erkennt, daß er die Hälfte der Strecke bereits hinter sich gebracht hat. Und die Strömung hat bereits einen Teil des Pflanzenteppichs weitergetrieben, so daß sich hinter ihm ebenfalls bereits eine leere Fläche gebildet hat. Panik durchfährt ihn, als das Adrenalin aus seiner Nebenniere herausschießt. Seine Pupillen sind geweitet, der Herzschlag dröhnt in seinen Ohren. Und er fühlt ihn, den einen unachtsamen Schritt, den er im Rausch der drohenden Gefahr macht, eher er wild mit den Armen rudernd stürzt. Das Wasser schlägt über ihm zusammen, umfängt ihn in erstickender Wärme. Er fühlt sich leicht, schwerelos und geborgen. Bis der Schmerz ihn anfällt. Tausende Zähne bohren sich in sein Fleisch, ungläubig reisst er die Augen auf und sieht die silbrig-rot glänzenden Fischleiber, die ihn in einer dichten Wolke umschwärmen, auf ihn niederfahren, um sich mit rasiermesserscharfen Zähnen ein Stück Fleisch aus ihm herauszureissen. Rot umwölken ihn Schwaden seines Blutes, die Wasseroberfläche scheint zu kochen, spritzt auf, daß sich rosiger Schaum zu bilden scheint.

Dann wird es still, hört so schnell auf, wie es begonnen hat. Der Strom liegt braun und dunkel im Sonnenschein, nur manchmal hört man ein sattes Schmatzen, wenn eine Woge des schweren Wassers sich am Ufer bricht. Noch immer flirren Staubteilchen durch die abgestandene Luft im Zimmer. Im Erdgeschoss hört man die Stimme der Mutter, die vergeblich seinen Namen ruft.
22.2.10 11:21


Irrenhaus

"Oh, yes! Fill the churches with dirty thoughts! Introduce honesty to the White House! Write letters in dead languages to people you've never met! Paint filthy words on the foreheads of children!! Burn your credit cards and wear high heels! Asylum doors stand open! Fill the suburbs with murder and rape! Divine madness! Laugh, and the world laughs with you!"

[The Joker - Arkham Asylum]

Er packt einen Garderobenständer und zertrümmert das nächste Fenster. Sein Gesicht ist von kaltem Zorn verzerrt, in ihm brennt ein blaues Inferno, das sich tobend seinen Weg durch sämtliche Nervenfasern bahnt. Noch während die letzten Splitter zerbrochenen Glases auf den Boden rieseln fallen die Worte: "Ihr seid frei." Die Insassen sehen sich gegenseitig an. Verstört. Verloren. Sie wollen nicht frei sein. Eine Stimme aus dem Dunkeln fragt: "Was ist mit Dir?" Er geht hinaus in das tobende Gewitter. Er ist durch reinigendes Feuer gegangen. Und Gold verliert im Feuer seine Farbe nicht.
11.12.09 12:07


Zweifel

An dunklen Tagen überfallen mich Zweifel, ob ich für diesen Beruf geeignet bin. Ein Kind stirbt nach einem jahrelangen Kampf an Krebs. Vor zwei Tagen schläft es ein und ist seither nicht mehr bei Bewußtsein gewesen. Es ist ins Koma gefallen, aus dem es wahrscheinlich nicht mehr erwachen wird, bis das Ende gekommen ist. Die Mutter geht einige Schritte neben mir her, nachdem ich meinen täglichen Besuch beendet habe. Die Luft trägt den Geruch von Desinfektionsmitteln und der traurigen Abgestandenheit, der Krankenhausgängen vorbehalten zu sein scheint.

"Wissen Sie, was das Schlimmste an dieser Sache ist?", fragt sie mich. "Wir wussten, daß dieser Tag kommen würde. Soweit sich Eltern darauf vorbereiten können, daß ihr Kind stirbt, waren wir vorbereitet. Wir wussten es. Es ist so ungerecht und schrecklich. Aber all die Jahre über haben wir uns vorbereitet, haben uns innerlich gewappnet. Aber wir dachten immer, wir hätten wenigstens die Chance, Abschied zu nehmen."

Sie bleibt abrupt stehen, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Als ich zögere, winkt sie, bedeutet mir weiterzugehen und begibt sich zu ihrem Mann zurück, der auf sie wartet, damit sie gemeinsam wieder in die fremde Welt des Leids eintauchen können, zu der normale Menschen keinen Zutritt haben.

Ich nehme meinen eigenen, ganz anders gelagerten Schmerz mit, als ich durch die Eingangshalle und hinaus auf den Parkplatz schreite.
1.12.09 02:35


Fljótavík

"We look over the rudder
Cut off the sea
We sail by the mast
Stretch the sails
We steer with a helmsman on the bridge
We sail ashore
Up on the large rocks and the sand
We wade ashore
What a mess
Fuckin' yeah
There I found myself
Endlessly thanking
Sheltered in a makeshift house
And we slept
As the storm died down

[Sigur Ros - Fljótavík]
15.6.09 22:59


Metric

"If this is the life, why does it feel so good to die today? Blue to gray, grow up and blow away..."

[Metric - Grow Up And Blow Away]
13.1.09 20:14


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