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Crossroad revisited

"Dimidium facti, qui coepit, habet: Sapere aude, incipe!"

[Horaz, Epistulae 1,2,40]

Ich stehe. Ich warte. Ich kann sehen, dass der Weg sich teilt.

Bleiben. Weitergehen. Sich bewusst für das Jetzt und Hier entscheiden, und es weiter vorantreiben, sich nicht mehr selbst treiben lassen, aktiv sein und dann auch bleiben. Der Weg ist bekannt und doch anders als alles, was bislang war. Der Weg macht Angst.

Sich verändern. Es sich bequem machen. Und dabei Abschied von liebgewonnenen Träumen nehmen. Die Zukunft neu schreiben. Das Alte hinter sich lassen, sich dem Neuen gegenüber öffnen, es umarmen. Der Weg ist neu, aber in sich das gleiche Muster, das sich immer wiederholte, eine Flucht vor dem Jetzt, die Flucht in die Veränderung. Der Weg macht Angst.

Jede Entscheidung braucht ihre ihr eigene Zeit. Manchmal trifft man sie selbst. Manchmal wird sie für einen getroffen.
24.11.15 11:37


Darkness

"Once you cross over, there are things in the darkness that can keep your heart from ever feeling the light again."

[Raymond Reddington - The Blacklist]

Er liegt bäuchlings im Gras, die kräftigen Strahlen der Sonne heizen seinen Rücken derart auf, dass er selbst im Liegen ins Schwitzen gerät. Der Helm, an dem er Büschel von Gras befestigt hat, drückt ihm in den Nacken. Er versucht, sich möglichst zu entspannen, ohne der drückenden Müdigkeit, die sich in ihm breitgemacht hat, nachzugeben. Die Baumgruppe neben ihm hält den leichten Luftzug ab, der ihm Kühlung verschaffen könnte, aber seine Order nageln ihn an Ort und Stelle fest. Er überblickt die Straße, die sich leer und verlassen vor ihm durch die karge Landschaft zieht.

Eine Staubwolke in der Ferne zieht seinen Aufmerksamkeit auf sich, und augenblicklich spannt sich sein Körper wie eine Feder. Er greift das Gewehr fester, presst den Kolben an seine Wange. Er erkennt das dunkle Fahrzeug, ein Geländewagen. Getönte Scheiben. Scheinwerferaufsatz. Der Staub der Straße hindert die Chromteile des Autos daran, in der Sonne zu funkeln, dennoch scheint es zu leuchten, ihn und seine Konzentration geradezu herauszufordern. Seine Bewegungen sind langsam, präzise, einstudiert. Das Training übernimmt die Kontrolle über seinen Körper, der nur noch reagiert; er ist nur ein Beifahrer, ein Beobachter, sein Körper führt.

Inzwischen kann er das Grollen des Motors, das Rollgeräusch der Reifen auf dem Asphalt hören. Mit der Linken klappt er die Abdeckung auf dem Zielfernrohr hoch. Er schaut durch das Visier, das er ruhig zu halten versucht, während er gleichzeitig das sich bewegende Ziel anpeilt. Die Entfernung ist noch zu groß, er hat noch einige Sekunden Zeit. Noch einmal blinzelt er, um seine Sicht zu optimieren. Sein Atem verlangsamt sich, verflacht. Er zwingt sein Herz dazu, etwas schneller zu schlagen, um das Pulsieren in seinen Adern zu minimieren. Mit dem rechten Daumen entsichert er die Waffe. Sein Zeigefinger liegt ausgestreckt neben dem Abzug.

Einatmen, halb ausatmen. Atem anhalten. Das Geschehen verlangsamt sich, verschafft diesem Augenblick von Klarheit, der sich vor dieser endgültigsten aller Entscheidungen einstellt, Raum. Er überlegt nicht, er ist nur mehr. Der Zeigefinger legt sich auf den Abzug, zieht leicht. Er fühlt den Druckpunkt, den Widerstand, den es zu überwinden gilt. Er entscheidet nicht, er handelt. Der Rückstoß der kontrollierten Explosion rammt den Gewehrlauf in seine Schulter. Das Krachen des Schusses betäubt seine Ohren für einen kurzen Augenblick. Durch die kleine Rauchwolke, die von der Mündung des Laufs aufsteigt, sieht er die Seitenscheibe des Geländewagens zersplittern. Das Quietschen der Bremsen und blockierenden Räder hört er nur gedämpft.

Die Türen des Fahrzeugs öffnen sich, geduckt springen zwei Männer aus dem Inneren und suchen mit ihren Blicken die Umgebung ab, den Urheber für das entstandene Chaos. Sie feuern blindlings grob in seine Richtung, aber sie sehen ihn nicht. Keiner der Schüsse verirrt sich in seine Nähe. Und doch erstarrt er bis ins Mark, als er einen fast tierisch anmutenden Schrei vernimmt, der sich aus der tiefsten Tiefe eines Menschen herausgekämpft hat, dessen Schmerz so unermesslich sein muss, dass es einige Momente gedauert hat, bis er sich zwischen den Stimmbändern hindurchzwingen konnte. Er starrt noch immer durch die Optik des Zielfernrohrs. Gelähmt.

Er sieht das Blut. Das verschmierte Hemd. Die überströmten Hände. Das verklebte, krause Haar. Das Kind in den Armen seines Ziels. Und er weiss, dass er die Linie überschritten hat. Unwiederbringlich. Unverzeihlich. Unvergesslich.
14.12.13 00:01


Hotelzimmer

Der leuchtend gelbe Lichtbalken durchschneidet die staubige Luft in Zimmer 34. Im Vorraum liegt der Teppich, dessen wirre Muster sich dschungelpflanzengleich über den Boden winden. Der Junge steht unschlüssig an der Tür. Die Langeweile und Neugier hat ihn in das Zimmer getrieben. Während die Erwachsenen unten beisammen sitzen und sich bei Kaffee und Kuchen über die vermeintlich wichtigen Dinge des Lebens unterhalten, begibt er sich auf eine Expedition, eine Erkundungsreise, die ihm unsterblichen Ruhm als Forscher einbringen würde. Er versetzt sich an den Amazonas, an einen pflanzenbedeckten, trügerisch idyllischen Seitenarm des Stroms, in dem es von Piranhas und Würgeschlangen nur so wimmelt. Auf der anderen Seite des Flusses wartet ein alter, schlingpflanzenüberwuchterter Tempel eines längst vergessenen Indianervolkes darauf, erforscht zu werden. Die in der Luft tanzenden Staubkörner werden zu sirrenden Insekten, die in dichten Wolken über dem Wasser tanzen, Schwärme blutdürstiger Quälgeister. Der Teppich wird zum träge dahingleitenden Fluß, dunkel und tief liegt das Wasser vor ihm. An einigen Stellen, an denen sich das Pflanzenmuster dichter gestaltet, könnte die Oberfläche sein Gewicht tragen, aber er muß schnell sein, flink und leichtfüßig. In einem seiner Bücher hat er von Abenteurern gelesen, die über die Rücken von Krokodilen trockenen Fußes von einem zum anderen Flußufer gelangten. Er hatte es stets in das Reich der Phantasie eingeordnet, aber nun steht er hier, und das Abenteuer ist zum Greifen nahe. Die Luft erhitzt sich, wird drückend schwer von Luftfeuchte und Spannung. Sein Atem wird flacher, bis er die Luft kurz ganz anhält und den Fuß auf die erste Wasserpflanzeninsel setzt. Er streckt die Arme seitlich aus und versucht, sein Gleichgewicht zu halten. Schweißperlen treten auf seine Stirn. Er fühlt einen dicken Tropfen kalt seine Wirbelsäule entlangrinnen. Und plötzlich wischt er sich mit feuchten Händen über die Augen. Das Teppichmuster wurde mit einem Mal schmerzhaft dreidimensional, gewann an Tiefe, so daß ihn ein Schwindel packte. Hat er sich das nur eingebildet, oder hat er tatsächlich die dunklen Rücken von Fischschwärmen (hungrigen Piranhas, die sein pochendes Blut in den Adern gewittert haben) gesehen? Sein Herzschlag beschleunigt sich, und er fühlt, wie die vormals feste Unterlage nun tatsächlich wackelig unter seinen Füßen im Takt der Wellen auf und nieder schwappt. Er nimmt den nächsten Schritt, den nächsten, einen Fuß nach dem anderen setzt er vor, springt von einer winzigen Insel zur nächsten. Weiter vorne erkennt er, daß es eine freie Wasserfläche gibt, an der sich kaum noch Pflanzenmuster finden. Er wird springen müssen, um weiterzukommen, oder er kehrt um. Er dreht sich um, und erkennt, daß er die Hälfte der Strecke bereits hinter sich gebracht hat. Und die Strömung hat bereits einen Teil des Pflanzenteppichs weitergetrieben, so daß sich hinter ihm ebenfalls bereits eine leere Fläche gebildet hat. Panik durchfährt ihn, als das Adrenalin aus seiner Nebenniere herausschießt. Seine Pupillen sind geweitet, der Herzschlag dröhnt in seinen Ohren. Und er fühlt ihn, den einen unachtsamen Schritt, den er im Rausch der drohenden Gefahr macht, eher er wild mit den Armen rudernd stürzt. Das Wasser schlägt über ihm zusammen, umfängt ihn in erstickender Wärme. Er fühlt sich leicht, schwerelos und geborgen. Bis der Schmerz ihn anfällt. Tausende Zähne bohren sich in sein Fleisch, ungläubig reisst er die Augen auf und sieht die silbrig-rot glänzenden Fischleiber, die ihn in einer dichten Wolke umschwärmen, auf ihn niederfahren, um sich mit rasiermesserscharfen Zähnen ein Stück Fleisch aus ihm herauszureissen. Rot umwölken ihn Schwaden seines Blutes, die Wasseroberfläche kocht, spritzt auf, bis sich rosiger Schaum zu bilden scheint.

Dann wird es still, hört so schnell auf, wie es begonnen hat. Der Teppichstrom liegt braun und dunkel im Sonnenschein, nur manchmal hört man ein sattes Schmatzen, wenn eine Woge des schweren Wassers sich am Ufer bricht. Noch immer flirren Staubteilchen durch die abgestandene Luft im Zimmer. Im Erdgeschoss hört man die Stimme der Mutter, die vergeblich seinen Namen ruft.
22.2.10 11:21


Irrenhaus

"Oh, yes! Fill the churches with dirty thoughts! Introduce honesty to the White House! Write letters in dead languages to people you've never met! Paint filthy words on the foreheads of children!! Burn your credit cards and wear high heels! Asylum doors stand open! Fill the suburbs with murder and rape! Divine madness! Laugh, and the world laughs with you!"

[The Joker - Arkham Asylum]

Er packt einen Garderobenständer und zertrümmert das nächste Fenster. Sein Gesicht ist von kaltem Zorn verzerrt, in ihm brennt ein blaues Inferno, das sich tobend seinen Weg durch sämtliche Nervenfasern bahnt. Noch während die letzten Splitter zerbrochenen Glases auf den Boden rieseln fallen die Worte: "Ihr seid frei." Die Insassen sehen sich gegenseitig an. Verstört. Verloren. Sie wollen nicht frei sein. Eine Stimme aus dem Dunkeln fragt: "Was ist mit Dir?" Er geht hinaus in das tobende Gewitter. Er ist durch reinigendes Feuer gegangen. Und Gold verliert im Feuer seine Farbe nicht.
11.12.09 12:07


Zweifel

An dunklen Tagen überfallen mich Zweifel, ob ich für diesen Beruf geeignet bin. Ein Kind stirbt nach einem Jahre andauernden Kampf an Krebs. Vor zwei Tagen schläft es ein und ist seither nicht mehr bei Bewußtsein gewesen. Es ist ins Koma gefallen, aus dem es wahrscheinlich nicht mehr erwachen wird, bis das Ende gekommen ist. Die Mutter geht einige Schritte neben mir her, nachdem ich meinen täglichen Besuch beendet habe. Die Luft trägt den Geruch von Desinfektionsmitteln und der traurigen Abgestandenheit, der Krankenhausgängen vorbehalten zu sein scheint.

"Wissen Sie, was das Schlimmste an dieser Sache ist?", fragt sie mich. "Wir wussten, daß dieser Tag kommen würde. Soweit sich Eltern darauf vorbereiten können, daß ihr Kind stirbt, waren wir vorbereitet. Wir wussten es. Es ist so ungerecht und schrecklich. Aber all die Jahre über haben wir uns vorbereitet, haben uns innerlich gewappnet. Aber wir dachten immer, wir hätten wenigstens die Chance, Abschied zu nehmen."

Sie bleibt abrupt stehen, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Als ich zögere, winkt sie, bedeutet mir weiterzugehen und begibt sich zu ihrem Mann zurück, der auf sie wartet, damit sie gemeinsam wieder in die fremde Welt des Leids eintauchen können, zu der normale Menschen keinen Zutritt haben.

Ich nehme meinen eigenen, ganz anders gelagerten Schmerz mit, als ich durch die Eingangshalle und hinaus auf den Parkplatz trete.
1.12.09 02:35


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