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Menschsein

"Ich erinnere mich. Ich erinnere mich an alles."

[Wayne Petrucelli - Memento mori]

Man kann unser zerbrechliches Dasein auf viele Arten beschreiben, ihm so Bedeutung verleihen. Doch es sind die Erinnerungen, die ihm einen Sinn geben, unsere Geschichte erzählen. Ein persönliches Sammelsurium von Bildern, Ängsten, Liebe, Trauer. Denn es ist die grausame Ironie des Lebens, daß wir dazu bestimmt sind, in uns das Licht mit dem Dunkel zu vereinen, das Gute mit dem Bösen, den Erfolg mit der Niederlage. Das ist es, was uns von anderen Wesen unterscheidet, was uns menschlich macht. Und am Ende kämpfen wir nur darum, uns die Erinnerungen zu bewahren.
24.10.08 11:46


Superhero

Helles Licht bricht durch die staubigen Fensterscheiben und malt gleissende Flecken auf den Holzboden. Der Kleine sitzt in der Mitte einer Lichtpfütze und hat die Augen geschlossen. Vor ihm liegt ein Haufen zerfledderter, zerlesener Comics. Mit kindlicher Ungeduld überlegt er, welcher seiner Helden er gerne wäre. Welche Gabe er sich wünschen würde, hätte er einen Wunsch frei. Unvorstellbare Kraft? An Präkognition grenzende Reflexe? Röntgenblick? Unverwundbarkeit? Fliegen?

Noch während er überlegt wird das helle Licht trübe. Es beginnt, in einem leisen Strudel auf ihn zuzuströmen. Er saugt es in sich auf, langsam zunächst, dann immer schneller, er zieht es aus den letzten staubigen Fugen, ballt es zusammen zu einem gleissenden Feuerball, der vor seiner Brust schwebt. Und löscht es. Aus dem kräftigen Sonnenstrahl wird ein trübes Rinnsal, das im Gewebe des Raums versickert, bis sie inmitten des Raumes steht: Die Mutter der Finsternis. Ein Schwarz schwärzer als schwarz. Als wäre man blind geworden, als hätte Licht noch nie existiert. In diesem Schwarz gibt es keinen Raum, keine Zeit, keine Hoffnung, keine Liebe.

Der Kleine öffnet die Augen und blickt der Dunkelheit ins Gesicht, mit schreckgeweiteten Augen und mit zu einem stummen Schrei geöffneten Mund. Sein Körper verliert jede Spannung, und mit einem leisen Poltern sinkt er komplett zu Boden. Ein letzter Seufzer entringt sich seiner kleinen Brust, während sich seine verkrampfte Hand langsam löst. Das Dunkel verschwindet so jäh, wie es erschienen ist. Als wolle es die Finsternis aus dem Raum vertreiben, strömt das Licht nun tosend herein, hüllt alles in seinen goldenen Glanz.

Schritte ertönen von jenseits der Tür. Die Klinke bewegt sich, die Angeln quietschen. Seine Mutter betritt, vom Poltern und der anschließenden Stille besorgt, den Raum. Ein heiserer Schrei, den er noch aus weiter Ferne hört, als seine Augäpfel nach hinten rollen, sich seine flatternden Lider schließen. Er ist fort.
9.10.08 12:41


Morgen

"Das ist alles, was wir brauchen, noch viel mehr als große Worte. Liebe ist alles. Lass es Liebe sein."

[Rosenstolz - Liebe ist alles]

Das glänzende Braun der Semmel zerreißt, als das Messer die Kruste durchschneidet. Besteck klappert auf weißem Geschirr. Das Röcheln der Kaffeemaschine sickert aus der Küche. Die leichte Süße des Joghurts klebt ihm leicht mehlig am Gaumen. Er sieht hinüber, wo das ihm fremde Wesen sitzt, er schaut auf ihren Mund, den sinnlichen Schwung ihrer Lippen, die zerzausten Haare, die bis an ihr strenges Kinn herabreichen. Er schmeckt ihren Kuss noch auf seinen Lippen, hat ihren Geruch noch in der Nase, spürt die Wärme ihres Körpers auf seiner Haut. Aber alles in ihm schreit ihm zu, Vorsicht walten zu lassen. Sich nicht zu verlieren. Zu spät: Er liebt.

Am Ende bleiben nur Fragen.
29.9.08 09:27


Geräuschkulisse

Das Piepen des Perfusors, das Schnaufen der Beatmungsmaschinerie, das Summen der Herzlungenmaschine, das Schnurren des Elektrokauters, das Klappern des Operationsbestecks, das Piepsen der Überwachungsmonitore, das leise Raunen des Anästhesisten, das Murmeln des Operationsteams, das Kreischen der Thoraxsäge. Er steht an einem Tisch, auf dem grüne Tücher scheinbar ungeordnet ausgebreitet liegen. Neben sich nimmt er den leicht süßlichen Geruch von Seife und einem Hauch Jasmin wahr, den die schmächtige Frau verströmt. Sie ist komplett vermummt, nur die Augen schauen unter einer entstellenden Hornbrille samt Teleskopaufsätzen hervor. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches steht ein verkniffen dreinblickender, ebenfalls komplett vermummter Hüne, dessen genuschelten Befehle und Anweisungen eigentlich ihm gelten. Er versteht sie nicht, der Hüne ist erbost und wiederholt sich andauernd, was seine Laune nicht bessert. Direkt vor sich, in einem kleinen Quadrat, das von den Tüchern freigelassen wurde, sieht er ein Herz. Es schlägt. Noch. Gleich wird er dieses fremde Herz in den Händen halten; daß es einem Mann gehört, der immer freundlich zu ihm und vergnügt war, macht es ihm nicht leichter. Am Herzen und den größeren Gefäßen werden Schnitte ausgeführt, Blut spritzt und klatscht gegen das Kunststoffglas seiner Brille. Es läuft, Schlieren hinter sich herziehend, langsam herab, tropft auf seine Wange, und er muß einen irren Impuls unterdrücken, mit der Zungenspitze danach zu reichen. Er fühlt das warme Blut über seine Hände rinnen. Das Herz pumpt besinnungslos weiter, als wäre alles bester Ordnung. Kanülen und Röhren werden in das Herz eingeführt. Irgendwann beginnt die Kaliumlösung, die über das noch schlagende Herz gegossen wird, zu wirken. Es steht still. Weitere Schnitte, Nähte. Der nuschelnde Hüne erteilt weiter unverständliche Befehle. "Wo spritzt es noch?" Nach einer Weile und einigen Korrekturen nirgends mehr. Mit dem vermeintlich letzten Schnitt unterläuft dem Hünen ein Fehler. Der Raum wird plötzlich von rotem, süßlich riechendem Regen durchströmt. Nach einer Weile ist der Kampf verloren, aufgegeben. Betretenes Schweigen. "Todeszeit: Vierzehn Uhr dreiundzwanzig." Einmal noch huscht die Erinnerung an ein faltiges, lächelndes Gesicht vor seinen Augen vorbei.

Das Letzte, das er hört, ist der Gesang seines eigenen Blutes in den Ohren.
5.9.08 16:37


Abschied

"I grieve. You leave me."

[Peter Gabriel - I Grieve]

Eine Kerze erlischt im kalten Wind. Sie war Licht, das von der Welt entzündet worden war, das in dunkler Nacht leuchtete, wenn ein Weg gefunden werde musste. Sie war Wärme, die einem wohlig den Rücken entlangkroch, wenn einem die Kälte das Mark gefrieren lassen wollte. Sie war Hoffnung, daß nach einer Nacht das Licht des Tages wieder erstrahlen würde, daß es mehr gab als den Augenblick der Dunkelheit.

Egal, was es war, mein Licht hat sich verdunkelt, weil der Wind zu heftig wehte, weil ich es nicht genug zu schützen wußte, weil es nicht genug geschätzt wurde, als es denn noch strahlte. Nun herrscht Leere und Orientierungslosigkeit, Grabesstille. Und alles, was bleibt, ist der bittere Geschmack von Asche auf einer gefühllosen Zunge.
28.8.08 14:19


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