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Darkness

"Once you cross over, there are things in the darkness that can keep your heart from ever feeling the light again."

[Raymond Reddington - The Blacklist]

Er liegt bäuchlings im Gras, die kräftigen Strahlen der Sonne heizen seinen Rücken derart auf, dass er selbst im Liegen ins Schwitzen gerät. Der Helm, an dem er Büschel von Gras befestigt hat, drückt ihm in den Nacken. Er versucht, sich möglichst zu entspannen, ohne der drückenden Müdigkeit, die sich in ihm breitgemacht hat, nachzugeben. Die Baumgruppe neben ihm hält den leichten Luftzug ab, der ihm Kühlung verschaffen könnte, aber seine Order nageln ihn an Ort und Stelle fest. Er überblickt die Straße, die sich leer und verlassen vor ihm durch die karge Landschaft zieht.

Eine Staubwolke in der Ferne zieht seinen Aufmerksamkeit auf sich, und augenblicklich spannt sich sein Körper wie eine Feder. Er greift das Gewehr fester, presst den Kolben an seine Wange. Er erkennt das dunkle Fahrzeug, ein Geländewagen. Getönte Scheiben. Scheinwerferaufsatz. Der Staub der Straße hindert die Chromteile des Autos daran, in der Sonne zu funkeln, dennoch scheint es zu leuchten, ihn und seine Konzentration geradezu herauszufordern. Seine Bewegungen sind langsam, präzise, einstudiert. Das Training übernimmt die Kontrolle über seinen Körper, der nur noch reagiert; er ist nur ein Beifahrer, ein Beobachter, sein Körper führt.

Inzwischen kann er das Grollen des Motors, das Rollgeräusch der Reifen auf dem Asphalt hören. Mit der Linken klappt er die Abdeckung auf dem Zielfernrohr hoch. Er schaut durch das Visier, das er ruhig zu halten versucht, während er gleichzeitig das sich bewegende Ziel anpeilt. Die Entfernung ist noch zu groß, er hat noch einige Sekunden Zeit. Noch einmal blinzelt er, um seine Sicht zu optimieren. Sein Atem verlangsamt sich, verflacht. Er zwingt sein Herz dazu, etwas schneller zu schlagen, um das Pulsieren in seinen Adern zu minimieren. Mit dem rechten Daumen entsichert er die Waffe. Sein Zeigefinger liegt ausgestreckt neben dem Abzug.

Einatmen, halb ausatmen. Atem anhalten. Das Geschehen verlangsamt sich, verschafft diesem Augenblick von Klarheit, der sich vor dieser endgültigsten aller Entscheidungen einstellt, Raum. Er überlegt nicht, er ist nur mehr. Der Zeigefinger legt sich auf den Abzug, zieht leicht. Er fühlt den Druckpunkt, den Widerstand, den es zu überwinden gilt. Er entscheidet nicht, er handelt. Der Rückstoß der kontrollierten Explosion rammt den Gewehrlauf in seine Schulter. Das Krachen des Schusses betäubt seine Ohren für einen kurzen Augenblick. Durch die kleine Rauchwolke, die von der Mündung des Laufs aufsteigt, sieht er die Seitenscheibe des Geländewagens zersplittern. Das Quietschen der Bremsen und blockierenden Räder hört er nur gedämpft.

Die Türen des Fahrzeugs öffnen sich, geduckt springen zwei Männer aus dem Inneren und suchen mit ihren Blicken die Umgebung ab, den Urheber für das entstandene Chaos. Sie feuern blindlings grob in seine Richtung, aber sie sehen ihn nicht. Keiner der Schüsse verirrt sich in seine Nähe. Und doch erstarrt er bis ins Mark, als er einen fast tierisch anmutenden Schrei vernimmt, der sich aus der tiefsten Tiefe eines Menschen herausgekämpft hat, dessen Schmerz so unermesslich sein muss, dass es einige Momente gedauert hat, bis er sich zwischen den Stimmbändern hindurchzwingen konnte. Er starrt noch immer durch die Optik des Zielfernrohrs. Gelähmt.

Er sieht das Blut. Das verschmierte Hemd. Die überströmten Hände. Das verklebte, krause Haar. Das Kind in den Armen seines Ziels. Und er weiss, dass er die Linie überschritten hat. Unwiederbringlich. Unverzeihlich. Unvergesslich.
14.12.13 00:01
 
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